Provenienzforschung

Die Ausgangslage

Rund 230.000 einzelne Kunstwerke verwahrt unser Museum derzeit. Alle diese Stücke haben ihre individuelle, sich aber nicht immer klar mitteilende Geschichte und Herkunft.
Die heute verfügbaren digitalen Dokumentationsmöglichkeiten – insbesondere die Museumsdatenbank – waren lange unvorstellbar. Handgeschriebene Inventare, sporadische fotografische Erfassung und stets weniger Personal als notwendig, um die Sammlung wissenschaftlich akkurat zu dokumentieren, bezeichneten noch bis in die 1990er Jahre die Situation.
Extrem unzulänglich verzeichnet sind die zwischen 1873 und 1895 erworbenen Bestände, in diesen Jahren wurde das Museum von einem privaten Verein geführt. Das Projekt, sie neu zu inventarisieren startete vor rund 120 Jahren und ist bis heute nicht abgeschlossen. Die Identifizierung gerade dieser, zu großen Teilen noch vorhandenen Objekte stellte und stellt sich oft schwierig dar.
Immer wieder gelangten Objekte ins Haus, die man aus welchen Gründen auch immer überhaupt nicht inventarisierte: so wird eine bereits 1874 dem Museum geschenkte umfängliche Sammlung von Siegeln und Siegelabgüssen erst in den kommenden Monate erstmals Inventareinträge erhalten.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kamen zahlreiche "sichergestellte" Kunstwerke aus Schlössern und Herrenhäusern, später auch aus Enteignungen in die Museumsruine, die Rahmenbedingungen der Übernahme und die Form der Dokumentation waren dabei oft bescheiden. Zur gleichen Zeit hatte das Museum durch Plünderungen an den Auslagerungsorten und durch Beschlagnahmungen vor allem durch das sowjetische Militär extreme Verluste zu verbuchen.
In den 1960er/70er Jahren baute das Museum einen großen Verwahrbestand zeitgenössischer Kunst zur Bestückung von Ausstellungen im Ausland auf. Auch diese Objekte blieben oft über Jahrzehnte ohne Inventareintrag.
Überlastungen der wenigen Mitarbeiter zeitigten immer wieder Informationsverluste über ins Haus gelangte Kunstwerke.
Diese wenigen Andeutungen mögen genügen, um zu verdeutlichen, dass einerseits Unklarheiten über die Herkunft eines bestimmten Kunstobjekts sehr unterschiedlichen Ursachen haben können und dass sich andererseits die Notwendigkeit von Forschung und Aufklärung sowohl auf die im Museum vorhandenen Stücke, ebenso aber auch auf die Verluste richten muss.


Provenienzforschung nach welchem Rezept?

Medienberichte greifen gern spektakuläre Unrechts-Fälle auf. Dadurch wird in der Öffentlichkeit der Eindruck begünstigt, dass aus dem Stand aufsehenerregend-skandalöse Entdeckungen in Museen zu machen wären und dass diese unrechtmäßige Schätze horten.
Tatsächlich aber ist Provenienzforschung ein kleinteiliger, langwieriger und kontinuierlicher Prozess, der nur dann erfolgreich geführt werden kann, wenn alle sammlungsbetreuenden KollegInnen aktiv eingebunden sind. Kleinere Bestandsgruppen können auch mit externer Hilfe in Pilotprojekten untersucht werden, für die Gesamtheit der Bestände aber liegt die Verantwortung im Bereich der KuratorInnen. Provenienzforschung ist ein nie endgültig abzuschliessender Vorgang, es gibt immer wieder neues Wissen und veränderte Perspektiven. Provenienzforschung ist kein verzichtbarer Luxus, sondern unabdingbares Element der Objekt- und Sammlungsgeschichte.


Was haben wir bislang geleistet?

Das Bewusstsein für eine detaillierte Provenienzdokumentation und -prüfung hat sich in unserem Haus seit den 1990er Jahren stetig entwickelt. Hilfreich waren zunächst die Anlage von Dokumentationsmappen, die alles vorhandene Material zu jedem einzelnen Objekt bündeln sowie natürlich die schrittweise entwickelten Museumsdatenbanken.
In den 1990er Jahren kam die Frage der Restitution von Bodenreform-Kunstgut aufs Tapet. Sie erforderte eine intensive Sichtung und Prüfung des Bestandes und führte zu zahlreichen Rückgaben und gütlichen Einigungen.
Wenig später erfolgte durch externe Kräfte eine kritische Durchsicht aller zwischen 1933 und 1945 erworbenen Objekte. Sie ergab kaum nennenswerte Anhaltspunkte auf unrechtmässige Erwerbungen.
Intensiv auseinandergesetzt  haben wir uns mit den Verlusten an den Auslagerungsorten und den Beschlagnahmungen durch die Rote Armee. Im Ergebnis konnten irrtümlich in die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gelangte Kunstwerke für Leipzig zurückgewonnen und Nachweise über nach wie vor im Moskauer Puschkin-Museum befindliche Beutekunst-Stücke unseres Hauses erbracht werden.
In unseren Bestandskatalogen und in der Exponatbeschriftung unserer Ausstellungen waren wir in Leipzig Vorreiter hinsichtlich des Ausweisens aller bekannten Provenienzen.
Mitte der 1940er Jahre in unser Haus gekommene, vorher im Zuge der Aktion "Entartete Kunst" beschlagnahmte Bauhaus-Grafik anderer Museen haben wir ohne viel Aufhebens an die ursprünglichen Eigentümer zurückgegeben (was in der deutschen Museumslandschaft übrigens bis heute nicht selbstverständlich ist).
2015 legten wir in dem Band "Die Museumschronik 1930 bis 1945" detaillierte Dokumente über die Vorgänge in unserem Museum während der NS-Zeit vor. Der Nachfolgeband, der die Jahre 1946 bis 1960 abdeckt, ist bereits als Manuskript fertiggestellt. Damit sind Akteure, Orte, Prozesse zahlreicher wichtiger Erwerbungsvorgänge greifbar.
Zu prominenten Einzelobjekten - wie zu der einst für Hitlers Linzer Museumsprojekt angekauften della Robbia-Majolikamadonna, die wir als Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland verwahren - haben unsere Wissenschaftler detaillierte Forschungen unternommen, deren Ergebnisse wir auch an unsere Besucher weitergeben.
2018 haben wir uns entschieden, ein 1936 auf der Auktion der jüdischen Sammlung Margarete Oppenheim erworbenes Konvolut durch eine Ausgleichszahlung an deren Erben nochmals anzukaufen bzw. partiell zu restituieren. Der Vorgang wird 2021 abgeschlossen.
Und obwohl das Thema der durch Kolonialismus erplünderten Objekte meist eines der ethnologischen Museen ist, beteiligen wir uns aktuell an einem Forschungsprojekt, welches untersucht, ob sich chinesische Kunstwerke, die nach dem Boxeraufstand im frühen 20. Jahrhundert in den europäischen Kunsthandel kamen, in deutschen Museen befinden.


Ausblick und weitere Vorhaben

Unser wichtigstes Ziel ist der Aufbau einer Online-Objektdatenbank, die sämtliche vorhandene Objekte des Museums ebenso wie die Verluste enthalten soll. Nur dadurch wird letztlich Transparenz und Zugänglichkeit sämtlicher Informationen für alle Interessierten und Forschenden möglich. Ein erster Block dieser Online-Kollektion wird in diesem Jahr zugänglich sein, das Gesamtvorhaben aber erfordert noch viel Kraft, Personal, Zeit und Geld. Wir hoffen auf Förderung und Kooperationspartner.
Der größte Forschungsbedarf besteht aktuell für Kunstgegenstände, die zwischen 1946 und Mitte der 1990er Jahre ins Museum gelangten. Gerade in dieser Zeitspanne wurde die Herkunft der Stücke oft wenig hinterfragt.
Unser Forschungsinteresse richtet sich aber auch auf nicht mehr vorhandene Stücke, so auf die um 1945 in Verlust geratenen Objekte wie auch auf viele Hundert Stücke, die auf Anordnung des DDR-Kulturministeriums seit den frühen 1960er Jahren an den Kunsthandel abgegeben werden mussten.